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Auf der Nordroute durch Afghanistan im Jahr 1976

Im Sommer 1976 reisten Klaus Mees und seine Frau Katrin, damals 28 und 27 Jahre alt, zehn Monate lang im T2 durch den Nahen Osten und Asien. Hier nehmen sie uns mit auf die berüchtigte Nordroute durch Afghanistan.

Unterwegs in Afghanistan im Jahr 1976.

 ©Klaus Mees

Hallo Bulli- und Reisefreunde,

Ende August 1976 überqueren wir die iranisch-afghanische Grenze.

„Can you take my brother to Herat?“ Ein Zollbeamter verspricht uns, unseren Wagen nicht zu durchsuchen, wenn wir seinen "Bruder" nach Herat mitnehmen. „Klar doch!" Wir willigen ein und wollen nach einigem Warten schon losfahren, aber die Schranke an der Ausfahrt aus dem Innenhof bleibt unten.

Wir müssen noch eine Kfz-Versicherung abschließen. Nach weiterem bürokratischem Papierkrieg steht der "Bruder" wie bestellt vor der Tür und es kann losgehen.

Kurz vor Herat bereitet man in der Abenddämmerung schon das Schießritual vor. Punkt sieben Uhr wird mit einem Kanonenschuss das Ende des Fastentages verkünden. Dann darf wieder getrunken, gegessen, geraucht und überhaupt alles gemacht werden, was mit Genuss zu tun hat und Spaß und Vergnügen bereitet.

Wir beeilen uns, denn nach einem Fastentag stürzen sich alle ausgehungert auf das Essen und sind nicht mehr ansprechbar. Straßen und Geschäfte sind leer, die Nation isst synchron, das öffentliche Leben steht still.

Ich steige aus, um noch ein paar Eier zu kaufen und verriegle nach alter Gewohnheit die Beifahrertür, bevor sie ins Schloss fällt. Klaus hat noch einen Brotverkäufer entdeckt. Fast gleichzeitig treffen wir uns wieder am Wagen.

"Hast du die Autoschlüssel?" fragt er. Er hat die Fahrertür vor dem Zuschlagen auch verriegelt und somit stehen wir jetzt draußen. Durch die Scheiben sehen wir den Schlüssel im Zündschloss. Das war schon immer ein Albtraum: Türen zu, Schlüssel steckt, und wir stehen draußen.

Wir sind nach langer Fahrt todmüde und es wird dunkel. Die Afghanen machen sich immer noch hungrig über ihr Essen her, trotzdem sind wir bald umringt von hageren Gestalten mit weißen Turbanen, jeder weiß eine andere Lösung unseres Problems.

Einer will das kleine Ausstellfenster einschlagen. "My brother is specialist for glass!“

Ein anderer macht sich schon an der Frontscheibe zu schaffen, will sie heraustrennen, ein Dritter will den Rückspiegel abdrehen, ein Vierter steckt seine Autoschlüssel ins Türschloss, passt der vielleicht? Und aus den hinteren Reihen dringen viele weitere Vorschläge nach vorne.

Dann zupft uns jemand am Arm: „Come to my hotel, room very cheap!“ Inzwischen ist es stockdunkel. Ein Junge erscheint mit Draht und Schraubenzieher. Den Draht will er durch die Tür manövrieren, dann um die Fensterkurbel schlingen und auf diese Weise die Scheibe ein Stück herunter drehen. Der Plan ist genial, aber der Türgummi erweist sich als unüberwindbares Hindernis.

 ©Klaus Mees

Nach zahlreichen Fehlschlägen sind wir schon bereit, das Ausstellfenster zu opfern, als wir aus dem Dunkel eine Stimme hören. "Können wir euch helfen?“ So lernen wir Mahmoud und Frank aus München kennen. Sie sind mit einem Mercedes-Kastenwagen unterwegs, bringen das nötige Werkzeug, Licht und viel Geduld mit, und nach zwei Stunden geht die Fensterscheibe langsam nach unten.

Ein Schrei der Bewunderung geht durch die Reihen. „Das muss gefeiert werden!“

Wir sind ohnehin schon sehr hungrig. Ständig bestellen wir Kebab nach und unsere Feierlaune erlahmt nicht.

„Wie fahrt ihr jetzt weiter?“ fragen wir neugierig. „Wir machen die Nordroute!“ „Die wollen wir auch fahren!“, also beschließen wir das gemeinsam zu tun. Wir müssen zur Polizei, denn die Route, die an der Grenze zur UdSSR entlangführt, ist genehmigungspflichtig, zudem führt sie auf schlechten Straßen durch Gebirge und Wüste und setzt ein Fahrzeug mit guter Bodenfreiheit voraus.

Das Genehmigungsverfahren ist kompliziert. Bei einem amtlichen Schreiber kauft man einen offiziellen Briefbogen. Da wir schreiben können, füllen wir ihn selbst aus. In Englisch geben wir Auskunft auf die Fragen nach Namen, Auto, Zweck und Dauer der Reise. Dann wird der Briefbogen von einem Schreiber übersetzt und anschließend laufen wir von einem Polizeioffizier zum anderen, die alle unterschreiben müssen. Zum Schluss wird noch gestempelt und zu guter Letzt landet er beim "Tourist Officer“.

„I will check your cars!“ Ausgiebig nimmt er nun die Bodenfreiheit unserer Fahrzeuge in Augenschein. Dann kramt er einen Zollstock hervor und misst die freie Höhe unter unseren Fahrzeugen. Bei unserem Bus schüttelt er den Kopf: „Too low, many problems!“ An die Argumente, die ihn letztlich umstimmten, kann ich mich nicht mehr erinnern, vielleicht war es doch ein Bakschisch. Jedenfalls unterschreibt er schließlich. Es kann ihm ja egal sein, ob der Wagen hängenbleibt oder nicht.

Wir füllen alle Reservekanister mit Benzin und brechen Richtung Norden auf. Die Straße wird immer schlechter. Tiefe Schlaglöcher und Bäche, die über den Weg fließen, durchfahren wir langsam, und wenn der Wasserstand nicht mehr abgeschätzt werden kann, müssen wir sie durchwaten. Ein Hügel hinter dem anderen und viel Sand.

Stunden später kommen wir an einem Nomadenlager vorbei. Großfamilien hausen in Zelten aus schwarzem Ziegenhaar. Je nach Reichtum besitzen sie Kamele, Schafe, Ziegen und Hühner. Die Frauen verdienen Geld mit dem Knüpfen von Teppichen, während die Männer mit ihren Kamelen Pistazien und Wassermelonen transportieren und damit die Familienkasse auffüllen.

 ©Klaus Mees

Sie leben von Milch, Eiern und dem Fleisch ihrer Tiere. Gemüse wird um die Zelte herum angebaut, Reis muss gekauft werden.

Wir halten an und fragen einen alten weißbärtigen Afghanen. „Können wir Fotos machen?“ Ich zeige ihm die Kamera. „Können die Frauen vielleicht noch etwas näher herkommen?“, deute ich mit der Hand an, denn die bleiben im Schutz ihrer Zelte. Ein kleines Bakschisch und alle kommen auf einen Pfiff des Alten ganz schnell zu den Autos. Fast alle, die jungen und noch unverheirateten Frauen dürfen die Zelte nicht verlassen.

Im Nu sind wir umringt von Müttern mit Kindern aller Altersstufen. Sie sind bunt gekleidet und mit viel Silberschmuck behängt. Aus der Nähe betrachtet sehen aber viele alt und krank aus mit Zahnlücken oder gänzlich zahnlos und blasser und faltiger Haut, ihre Augen lila umrandet, Arme und Gesichter dunkelblau tätowiert, das Haar in viele kleine Zöpfe geflochten.

Beim nächsten Dorf liegt zwischen Lehmhütten ein Baumstamm quer über der Straße und versperrt die Weiterfahrt. Wir müssen die Erlaubnis zum Befahren der Nordroute vorweisen. Sehr schnell haben sich Halbwüchsige um die Autos versammelt, drücken die Nasen an den Scheiben platt, verlangen Bakschisch oder wollen nur mit einem "Hello Mister“ Aufmerksamkeit erregen. Ein Polizist verscheucht die Schar mit einem gezielten Steinwurf.

In sicherer Entfernung, hinter einem Bach lassen sie sich nieder und beobachten uns weiter. Als Klaus zurückkommt, berichtet er von einem merkwürdigen Vorgang in der Polizeidienststelle: “Stell dir vor, ein Polizist hat vor den Augen seiner Kollegen öffentlich als Strafe fünfzig Ohrfeigen bekommen!“ Wir finden diese Bestrafung sehr mittelalterlich.

 ©Klaus Mees

Weglos durch eintönige flache Wüstenlandschaft. Die Straße hat schon lange keinen festen Belag mehr. Die Fahrspuren sind stark ausgefahren, darin viel Flugsand, dünn wie Puderzucker. Steil ansteigende Felswände flankieren beidseits die Straße, als ob sie in den Fels hinein geschnitten worden wäre.

Während der Regenzeit haben allradgetriebene Fahrzeuge mit breiten Reifen Spuren hineingegraben, die so tief sind, dass wir ihnen wegen der geringen Bodenfreiheit nicht folgen können, wir würden unweigerlich festsitzen. Deshalb geht jemand vor und gibt, in Blickkontakt mit dem Fahrer mit Handzeichen jeweils den Lenkeinschlag an, was sehr zeitraubend ist. Außerdem geraten wir bei dem ständigen Spurwechsel mehr als einmal in bedrohliche Schieflage. Als dann die Straße auch noch steil abfällt, ächzt der Wagen und knarzt die Inneneinrichtung, als ob alles bald auseinanderfallen würde.

Wir erreichen Qala-i-Nau und entdecken am Ortseingang eine Tankstelle. Der Tankwart, ein Tadschike, zeigt uns vor dem Tanken, dass die Tankuhr auf null steht und nennt uns auch noch den regulären Preis. Auf der ehemals deutschen Zapfsäule mit der Aufschrift "blasenfrei zapfen" wird der Benzinpreis noch in DM und Pfennig angezeigt.

Die Landschaft wird noch flacher, Kamelkarawanen begegnen uns jetzt öfter. Wir fahren an Ziegen- und Schafherden vorbei, Siedlungen liegen weit verstreut an noch wasserführenden Flussläufen.

Kurz vor Sonnenuntergang setzt ein reges Treiben ein. Hirten auf Eseln treiben ihre Herden heim oder galoppieren auf schlanken feingliedrigen Pferden um ihre Tiere. Frauen und Kinder drängen sich an einem Bach, um durstig aus Tassen, Töpfen, Eimern oder sonstigem Geschirr zu trinken.

Rast der beiden Fahrzeuge.

 ©Klaus Mees

In Maimana bleiben wir in einem verwahrlosten Hotelgarten mit einer halbvertrockneten Palme stehen. Wasser muss man aus einem Brunnen hochpumpen. Wir streifen durch die Bazarstraße, die sich von den bislang in Afghanistan gesehenen kaum unterscheidet: Viereckige ebenerdige Lager- und Verkaufsräume reihen sich in einer geschlossenen Häuserfront beiderseits der Straße aneinander. Sie können mit einer zweiflügligen, grün lackierten Holztür verschlossen werden. Fenster gibt es keine.

Die Händler sitzen auf und zwischen ihren Waren, trinken Tee, warten auf Kundschaft, unterhalten sich mit ihren Freunden, die mal eben vorbeischauen, dösen im Ladeninneren vor sich hin oder handeln laut und wild gestikulierend.

In einem Raum, der auf den ersten Blick vollkommen leer erscheint, sitzt ein alter beleibter Händler, Bart und Haupthaar mit Henna rötlich eingefärbt. Als er uns sieht, schiebt er einen Stoffvorhang zurück und zeigt auf einen Teppichstapel. Wir räumen zentimeterdicken Staub ab, schichten den Stapel um und finden einen kleinen Gebetsteppich, der uns gefällt.

Der Ladeninhaber spricht kein Wort Englisch, und wir nicht den hiesigen Dialekt. Wir gestikulieren und versuchen uns mit unseren Preisvorstellungen verständlich zu machen. Der Alte schaut verwirrt oder lächelt verlegen. Dann ruft er Nachbarn zu Hilfe, mit denen wir alsbald handelseinig werden.

Wie alle Buchara-Teppiche, die die Nomaden in dieser Region knüpfen, weist er einen roten Grundton auf und als Muster ein wiederkehrendes Achteck, den sogenannten Elefantenfuß in dem hellbraunen Farbton von Kamelhaarwolle.

Den zweiten Teil des Reiseberichts lest Ihr demnächst auf VW-Bulli.de

von Gerhard Mauerer