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Der Wetterwarte-Bulli

Roland Roth aus Bad Schussenried im oberschwäbischen Landkreis Biberach ist Leiter der "Wetterwarte Süd" und fährt einen roten T4 Multivan mit TDI-Motor. Dieser kommt jedoch nur zum Einsatz, wenn das Wetter besonders schlecht ist.

 ©Stuttgarter Zeitung

Das Wetter machen kann nicht einmal Roland Roth (54). Aber er weiß genau über Wolken und Wind Bescheid. Roth ist Gründer und Leiter der "Wetterwarte Süd" genannten Organisation. Dieser Name ist zum Markenzeichen für regionale Wetterberichterstattung geworden und der rote Bulli fährt stolz mit diesem Markenzeichen durch die Lande.

Wenn er denn fährt. Im Tagesgeschäft ist das nämlich eher die Ausnahme. Seit seiner Erstzulassung in 1999 hat der T4 Multivan zuverlässig seine 120.000 Kilometer abgeleistet und darf sich nun ein wenig ausruhen. Roland Roth ist täglich zu seinen Stationen unterwegs - aber meistens mit dem Fahrrad. Nur wenn das Wetter wirklich so schlecht ist, dass man keinen Hund vor die Tür jagen würde, holt er seinen Wetterwarte-Bulli hervor.

 ©Roland Roth

Bei seinen Einsätzen bewährt sich der im Jahr 2000 von einem VW-Werksangehörigen aus dem niedersächsischen Gifhorn übernommene VW Bus dank seiner praktischen Einrichtung. Roth: "Auf dem Tisch steht dann der Laptop und ich schreibe direkt vor Ort meine Beobachtungen und die Prognose."

Keinen Tag lang habe er die Kaufentscheidung bereut. Ganz bewusst hatte er nach einen T4 Multivan gesucht. Ein befreundeter VW-Händler vermittelte dann den Kontakt und so kam der Bulli aus dem Norden in den Süden, wo er seither ohne Panne und Störung läuft und läuft…  

Schon als Schüler interessierte sich Roland Roth für Wolken und meteorologische Zusammenhänge. Im Alter von 13 Jahren hatte er seinem Vater im Garten genügend Platz für eine Wetterstation abgetrotzt, die er mit eigenen Mitteln ständig ausbaute. Damit zog er andere wetterkundlich Interessierte an, die sich teilweise auch eigene Stationen einrichteten.

 ©Roland Roth

Heute arbeitet die "Wetterwarte Süd" mit rund 150 freien Mitarbeitern. Die meisten von ihnen beobachten Wind und Wolken, Niederschläge und Nachtfröste in ihrer Freizeit. Der rührige Oberschwabe Roth, der während seiner Studienzeit unter anderem mit seinem damaligen Kumpel, dem heutigen Grünen-Dissidenten und CDU-Neuling Oswald Metzger, ein selbstverwaltetes Jugendzentrum gründete und eine alternative Zeitung herausgab, sich für die alternative unabhängige Liste im Gemeinderat engagierte und sein Studium (Geographie, Philosophie und Theologie) absolvierte, hat die Arbeit auf viele Schultern verteilt.

Er sagt: "Ich könnte jederzeit aussteigen, aber der Job macht mir viel Spaß." Und mit "Job" meint er seinen Hauptberuf, denn eigentlich ist Roth halbtags Lehrer "an der besten Schule, die es gibt - einer Hauptschule mit Klasse 7 bis 9". Es sei für ihn eine Wonne, "aus Rohdiamanten Edelsteine zu gewinnen", erzählt der Idealist über die Arbeit mit seinen Schülern. Weit über Bad Schussenried hinaus begeistert, betreut und beschäftigt er die Jugendlichen mit Projekten.

 ©Roland Roth

Sie sammeln Schuhe, Kleider und Papier und sie bedienen eine mobile Geschirrspülanlage für Dorffeste, die dann natürlich von Roths Wetterwarte-Bulli gezogen wird. Mit dem Erlös solcher Projekte werden Klassenfahrten ohne Zuzahlung der Eltern finanziert. Vergangenes Jahr waren die Neuntklässler für eine Woche in der Toskana. Und alle haben den Schulabschluss geschafft.

Kritisch bilanziert der Pädagoge: Seit Politiker, die nie eine Hauptschule von innen gesehen hätten, diese "selten dämliche Diskussion um diese Schulart führen", sei die Situation für Hauptschüler auf dem Land viel schwieriger geworden. Gleichwohl haben fast alle seine Schüler einen Ausbildungsplatz gefunden - auch wegen der persönlichen Kontakte, die bei solchen Projekten entstehen.

Bleibt das Wetter - Roths zweitliebstes Kind. Seine Vortragsveranstaltungen sind auf Jahre hinaus ausgebucht. Und wenn er auf dem Weg dorthin kein Hotel findet, nutzt er "wie schon in den ersten Bulli-Jahren mit unseren drei kleinen Kindern das Bett im Bus, das mit wenigen Handgriffen zusammengestellt wird."

Vergangenen Oktober feierten 6.000 Menschen mit Roth den 40. Geburtstag seiner Wetterwarte - ein Riesenfest. Roths beste Freunde sind die Bauern. Seit 20 Jahren rufen sie über eine Hotline an, aber inzwischen klicken viele von ihnen auch regelmäßig auf die mit bis zu 200.000 Usern pro Monat gut besuchte Internetseite www.wetterwarte-sued.com und finden rund um die Uhr aktualisierte Daten, auf die sie sich verlassen können.

Ernst Bauer

von Ernst Bauer