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Im Bulli bis zum Ursprung der Werra, Teil 2

Mit Frau und Hund reiste Bernd Bohle im Sommer 2017 im T3 bis zur Quelle der Werra. Hier ist Teil 2 seines Reiseberichts.

 ©Bernd Bohle

Hallo Bulli-Freunde!

Wer Teil 1 der Reise noch nicht kennt, kann ihn hier nachlesen. Und jetzt geht es weiter mit dem zweiten und letzten Teil des Reiseberichts:

Pünktlich mit dem ersten Augenaufschlag hat der Regen aufgehört auf das Bulli-Dach zu prasseln. Die Scheiben sind beschlagen und machen es uns schwer einen klaren Blick auf die nun braune Werra nebenan zu werfen. Die Verkehrsrouten gebenüber weisen wie auch in der Nacht kaum Betrieb auf in diesen morgendlichen Pfingstsonntagsstunden.

Der Magen macht sich durch ein leichtes Grummeln bemerkbar und lässt uns auf Versorgungsmodus schalten.

Frühstück im Fritz Berger-Sessel direkt am wässrigen Wegweiser.

 ©Bernd Bohle

Während die Aufbackbrötchen im neuen Omnia-Campingofen langsam goldbraun werden, kommt Hubert der Platzwart vorbei, um Kasse zu machen. Der Renter verlangt 14,50 € für die Nacht und kommt immer mehr in Erzähllaune. Das Grundstück gehöre seiner Familie schon seit Generationen und der Kanuten-Verein habe sich hier so nah an der Werra gerne niedergelassen. So bekomme er noch eine kleine Aufbesserung seiner ach so schmalen Rente und könne sich mit der Pflege der Anlage die reichlich vorhandene Zeit vertreiben.

Ich frage Hubert, ob ich meine Angel in den Fluß halten darf und ernte ein leises Raunen. Na ja, er habe nichts dagegen, aber der Pächter des Gewässers wäre da sehr pingelig. Wir kommen so auch auf die Verschmutzung der Werrra zu sprechen. Ja, es würden hier einige angeln, aber es wären wegen der Kaliwerke und deren Abwässer unweit von hier Richtung Philippsburg wirklich nur eine Hand voll, weil einfach nicht viel zu holen sei.

 ©Bernd Bohle

Er bestätigt indirekt, was seinen Ursprung in der Geschichte ab 1900 hat. Schon damals wurde Salz in die Werra eingeleitet. Der zugelassene Grenzwert wurde stetig erhöht und schließlich 1942 mit 2500 mg/l festgelegt. In der Folge wurde er aber kaum jemals eingehalten. Unter anderem wurde dadurch auch schon Anfang des 20. Jahrhunderts die Trinkwasserversorgung flussabwärts liegender Orte, zum Beispiel der Stadt Bremen, gefährdet.

Seit den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Rückstände der Kaliaufbereitung in katastrophalem Umfang in den Fluss eingeleitet, da die Verbringung unter Tage in Ostdeutschland eingestellt wurde. Die Werra als Grenzfluss zwischen den beiden deutschen Staaten DDR und BRD zeigt exemplarisch die leidvolle Geschichte von Politikverblendung und Ökologie. Durch den Verlauf in Richtung Klassenfeind und Nordsee konnte der DDR-Staatsbetrieb unheimliche Mengen an Salz in die Werra einleiten und überließ den ungeliebten Nachbarn die Probleme der Verschmutzung.

Die Salzwerke auf westdeutscher Seite leiteten ebenfalls Salz in geringerer Menge in den ohnehin schon „verdorbenen“ Fluss. Zu Zeiten des Kalten Krieges gab es mehrere Versuche auf höchster diplomatischer Ebene, um dieses innerdeutsche Problem zu lösen – jedoch ohne Erfolg. Bedeutsamster Schadstoff ist gelöstes Kochsalz. Über große Strecken hatte die Werra etwa einen Salzgehalt wie die Ostsee. In Perioden geringerer Belastung wanderten immer wieder Fische aus den Nebenflüssen in den Hauptlauf der Werra ein. Für die Menschen wurde die Belastung dann vor allem durch periodisch wiederkehrende Fischsterben bei höherem Schadstoffgehalt sichtbar.

Bei Elektrobefischungen der jüngsten Zeit gab es nur wenige Messstellen, an denen mehr als drei Fischarten nachgewiesen wurden. Auffällig war dabei die besonders niedrige Fischdichte von nur 6,2 kg/Kilometer Uferlinie (sonst durchaus über 50 kg) und die fehlende Reproduktion von ansonsten anspruchslosen Fischarten - das Ökosystem Werra als Jahrhundertopfer der menschlichen Gier nach Profit.

Monte-Kali voraus.

 ©Bernd Bohle

Das Frühstück lassen wir uns trotz dieses faden Beigeschmacks dennoch schmecken. Wir setzen unsere Reise fort. Bruno startet ohne Probleme und fährt direkt am Strom entlang in Richtung Heringen. Man merkt, dass wir uns so langsam der Industrie nähern, welche für die Schandtaten am Gewässer zuständig ist. Ein unübersehbares Produkt dieser unseligen Symbiose reckt sich beeindruckend zu unserer Rechten empor.

Der Monte Kali oder Kalimandscharo ist der erste Zwischenstop auf der zweiten Etappe. Das Gipfelplateau der silber strahlenden Abraumhalde des regionalen Kalibergbaus befindet sich auf einer Höhe von 530 m ü. NHN und stellt mittlerweile eine echte Touristenattraktion dar. Der Berg, eine von mehreren Abraumhalden der K+S in Deutschland, besteht aus etwa 200 Millionen Tonnen aufgeschütteten Abraumsalzes.

Der Monte Kali hat eine Fläche von 98 Hektar und wächst pro Förderstunde um 900 Tonnen an. Ein 1,5 km langes Förderband transportiert das Abraumsalz auf den Berg.

Die Aufschüttung begann 1973. Mehr als 10.000 Besucher besteigen pro Jahr den künstlichen Berg. Der Höhenunterschied vom Fuß des Berges bis zum Gipfelplateau beträgt knapp 200 m. Für uns der perfekte Grund, um in den nahegelegenen Auen mit Charly Gassi zu gehen und das Schatten-Wolkenspiel auf dem Berg zu bestaunen.

 ©Bernd Bohle

So oft wie auf den nächsten Kilometern der Strecke haben wir die Werra noch nie passiert.

Auch die Bahnübergänge, über die der Bulli holpert, sind kaum mehr zählbar. Die Zulieferbetriebe der Düngemittelindustrie bestimmen nun das Bild der Landschaft.

Fabrikgebäude, Hallen, Fördertürme und Güterbahnhöfe säumen den Weg. Je mehr wir fahren, desto schmaler wird der Fluss. Endlich lassen wir die grossen Siedlungen hinter uns und rollen tief in den Thüringer Wald ein. Interessant ist, dass etwa zwei Drittel des Mittelgebirges, darunter die komplette Südwestflanke, zur Werra und damit zum Stromsystem der Weser entwässern.

Die Schweiz inmitten Thürigens.

 ©Bernd Bohle

Wir sind dem Ursprung der Werra somit schon ziemlich nah. Bevor es so richtig berauf geht brauchen wir und vor allem der Dackel noch ein bisschen Auslauf.

Ein kleiner Schlenker von der Kreisstraße auf einen Feldweg führt uns zu einem wunderbaren Platz umgeben von Bergpanoramen. Hier schmeckt der „kalte“ Kaffee und die belgische Waffel gleich doppelt so gut.

Wieder auf der Straße frisst Bruno so langsam Höhenmeter. Kurz vor Masserberg halten wir erneut. Urige Felsformationen lenken uns kurz vor Erreichung des Ziels ab.

Die sogenannte Fehrenbacher Schweiz ist wieder einmal so ein Naturdenkmal, für das sich diese Reise lohnt. Eine der wenigen Felsformationen im Thüringer Wald und ein mächtiges Massiv aus dunklem Konglomeratgestein am Ortsausgang des alten Glasmacherortes Fehrenbach.

Auf dem Fahrrad auf den letzten Kilometern zum Ziel.

 ©Bernd Bohle

Jetzt aber auf zum Ziel. Wir erreichen Masserberg. Hier haben wir uns in ein Hotel eingebucht, um den „Gewinn dieser Challenge“ in Form eines weichen Hotelbetts zu feiern. Aber soweit sind wir noch nicht. Da wir die letzten drei Kilometer zur Quelle nicht mit Bruno fahren können, wählen wir die Fahrräder.

Schnell vom Heck geschnallt sitzen wir auch schon radelnd auf unseren Sätteln und gondeln durch herrliche Fichtenwälder über den Rennsteig. Charly ist ordentlich am schnaufen als es die letzten Meter zügig berab geht.

Dann, nach 329 Kilometern Fahrt, liegt sie vor uns: Die erste Werra-Quelle auf dem Südhang des Eselsbergs auf etwa 770 m ü. NHN.

Diese auch als Schrödersche Quellfassung bekannte Werraquelle wurde am 14. August 1898 mit einem Waldfest feierlich eingeweiht. Forstmeister Georg Schröder aus Heubach war der Namensgeber. Maurermeister Elias Traut aus Fehrenbach fasste die Quelle in heimischen Naturstein, aus dem Rachen eines Löwenhauptes fließt seitdem das Wasser, unter dem wir uns kurz aber durchaus verdient erstmal erfrischen.

Quelle und Ziel erreicht!

 ©Bernd Bohle

Die Infotafeln weisen auch auf die zweite gefasste Werraquelle von 1910 wenige Hundert Meter westsüdwestlich von Siegmundsburg auf etwa 805 m hin. Für uns gilt aber in diesem Moment nur die „Urquelle“! Geschafft im wahrsten Wortsinn und ein wenig überwältigt von der Schönheit hier oben.

Zurück im Hotel „Haus Oberland“ lassen wir den Tag bei traditionellen, regionalen Gerichten ausklingen. Ob das Wildschwein wohl auch vom Wasser der Werra genährt wurde? Dieser und viele andere Gedanken rund um die Tour machen das Einschlafen dann doch ein wenig schwerer als Gedacht.

Doch nach dem Ziel ist vor dem Ziel. Bruno wird uns bestimmt demnächst wieder an wunderbare Orte dieser Republik oder darüber hinaus tragen. Fun Fact zum Schluss: Unser Heimweg führt direkt über die Autobahnbrücke unter der wir am ersten Abend quasi geschlafen haben. So ist er der Kreislauf des Freizeit-Nomaden-Lebens.

Wer mehr von mir lesen will, kann dies auf der Seite meines Blogs "Freier miT 3er tun.

Viele Grüße, Bernd "Bernie" Bohle

Bernd Bohle