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Im Bulli durch Afghanistan

Im Jahr 1975 fuhr Georg Ellendorff aus Bielefeld mit seinem T2 erst nach und dann durch Afghanistan. Eine abenteuerliche und faszinierende Reise.

 ©Georg Ellendorff

"Im Sommer 1975 unternahm ich mit meinem Bulli T2 eine unvergessliche Reise durch das damals noch vom Staatschef Mohammed Daud regierte Afghanistan. Die Anreise dauerte vier Wochen. Und der Bulli führte uns durch Österreich, das damalige Jugoslawien, Bulgarien, die Türkei, den Iran zunächst nach Herat.

Mit seiner atemraubenden, in aller Hitze Kühle ausstrahlenden Moschee und seinen fremden, liebenswerten Menschen ist das ein sehr fremdartig, beeindruckender Ort. Mein Ziel war es, Afghanistan auch abseits der befestigten Straßen zu durchfahren, von denen es seinerzeit außerhalb von Ortschaften nur eine gab.

 ©Georg Ellendorff

Ob man das dem Bulli zutrauen sollte und konnte? Wir waren gespannt.

In Herat mussten wir uns eine behördliche Genehmigung einholen, um die Nordroute durch Afghanistan befahren zu dürfen. Wir bekamen die Auflage, uns nach jedem Reisetag an der örtlichen Polizeistation zu melden und zu registrieren. Im weiteren Verlauf unserer Fahrt erwies sich das jedoch als nicht zu dringlich.

Auf ging es über unbefestigte, abenteuerliche Wege über den Sabzak Pass nach Qala-I-Nau. Die Fahrt von Herat nach Nordafghanistan ist ebenso vom beeindruckenden Erlebnis einer imposanten Bergwelt gekennzeichnet wie von den Schwierigkeiten, die der Weg bereithält und die auch noch nicht überwunden sind, wenn die nördlich des Hindukusch liegenden Wüstenstriche erreicht sind. Wieder durchfuhren wir viele kleine Orte in den Bergen.

 ©Georg Ellendorff

In Maimana sprach uns der Stationspolizeioffizier zu unserer Überraschung in perfektem Deutsch an. Er hatte seine Polizeiausbildung in Hiltrup absolviert und war sichtlich erfreut, uns als exotische Touristen zu registrieren. Das Gespräch, das sich zu einer Unterhaltung entwickelte, hat er deutlich zu seinem und auch unseren Vergnügen in die Länge gezogen.

Am nächsten Tag transportierte uns der Bulli durch die Orte Daulatabad, Andkhoy und Shibarghan. In der Mitte dieses Reiseabschnitts trafen wir in Balgh ein.

Von Ferne fielen schon die jadegrünen Rippenkuppeln der "Grünen Moschee" ins Auge. So wird das im 15.Jahrhundert errichtete Mausoleum genannt, im dem der islamische Theologe Khwafa Abu Nasr Parsa verehrt wird. Der Fayenceschmuck an den Außenwänden der Moschee zeigt in zwei Blautönen und in Schwarz und Weiß stilisierte Blumenmotive und arabisch kalligraphierte Schriftbänder.

 ©Georg Ellendorff

Wir hatten keine Eile. Nach 60 Kilometern, die aber viele Stunden dauerten, empfing uns Mazar-i-Sharif mit seinem faszinierend in der Abendsonne liegenden Schrein des Hazrat Ali. Zwei imposante, türkis schimmernde Kuppeln überdecken die Moschee. Die Moschee gehört zu den schönsten islamischen Bauwerken in Afghanistan und ist, wie auch die Moschee von Herat und das Minarett von Dscham, als Heiliger Ort in der Sammlung "Die 1000 heiligsten Orte der Welt" aufgeführt.

Zwei weitere Tage hat es gedauert, bis wir über den Salang Pass in Kabul eintrafen. Mein tapferer Bulli hat das alles klaglos mitgemacht. Er bekam zum Lohn einen kurzen Aufenthalt in einer Werkstatt. Auch hier sprach der Chefmechaniker deutsch. Ich meine mich zu erinnern, er sei in Wolfsburg ausgebildet worden. Wenige Tage später ging es über den Shebar-Pass nach Bamiyan. Die Buddha-Statuen und das Bamiyan-Tal waren atemberaubend.

 ©Georg Ellendorff

Tags darauf kam auf den Bulli eine neue, schwere Aufgabe zu. Der Bulli fuhr uns von Bamiyan aus in westliche Richtung. Der rund 80 Kilometer lange Weg war schlecht und verlangte wohl drei Stunden Fahrzeit. Die Piste führte über drei Pässe: den Shahidan, den Shibartu und den Nil-Kowtal-Pass (alle in etwa 3.500 Meter Höhe). Der Bulli sah es als Herausforderung an, aufsteigen zu dürfen zu den fünf Perlen von Band-i-Amir. Heute liegen sie im ersten Afghanischen Nationalpark. Noch immer leuchten diese Seen in fünf verschiedenen Farben für die jetzigen Touristen. Damals waren wir dort alleine. Heute scharen sich viele afghanische Touristen um die Seen.

Nach dem letzten Pass erreichte der Bulli eine Hochebene, umrahmt von scharf gezackten Gipfeln, die bis in den Sommer hinein eine Schneekappe tragen. Ohne viel Ruhe aber auch ohne Eile, hatten wir nur noch zwei Wochen Zeit für Afghanistan, nahm der Bulli den Weg zurück über Bamiyan, Kabul, die vielen Pässe, dann Ghazni mit seinen 1000 Jahre alten Minaretten, Kandahar zurück nach Herat. Unterwegs büßte durch die Langeweile eines steinewerfenden kleinen Hirten der Bulli noch seine Frontscheibe ein. Nach 600 Kilometern Fahrt ohne Frontscheibe war das kein Problem mehr, der Bulli bekam sein neues Gesicht in Mesched für wenig Geld.

 ©Georg Ellendorff

Die Fahrt zurück nimmt unser Schneckenhaus-Bulli jetzt in der Beschreibung in aller Kürze; aber in Wirklichkeit waren es nocheinmal 7000 Kilometer:

Mesched, Teheran, Qum, Shiraz, Persepolis, Isfahan, Teheran, Täbriz, die Türkei, Italien, Österreich und Deutschland.

Der Bulli T2 war ein ganz erstaunliches Fahrzeug, ganz ohne Syncro, 4Motion, 4WD und was es alles gibt wie Differentialsperre, hat er ausgesprochen schwierige Passagen abseits von asphaltierten Straßen bewältigt; Hut ab!"

 

Mit freundlicher Genehmigung der "Neuen Westfälischen", Bielefeld

Georg Ellendorff