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Retro, Renaissance und rote Raritäten

Das Ripple ist serviert, die Bügelflasche steht auf dem blank gescheuerten Eichentisch, dann macht es „Plopp“ – so lebt in Stuttgarter Kneipen eine lange vermisste Tradition wieder auf. Es ist wieder da – das helle Vollbier der Marke Wulle und transportiert wird es im wahrsten Sinne des Wortes optisch mit drei roten Bullis vom Typ T2a. Vor gut einem Jahr

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Gesucht und gefunden hat die drei Oldtimer Stefan Seipel, Marketing-Leiter der Stuttgarter Privatbrauerei „Dinkelacker-Schwaben Bräu“. Jetzt rollen sie als Dienstfahrzeuge der „Wulle-Botschafter“ durch die Schwabenmetropole. Am Steuer des ersten Wulle-Bulli sitzt die junge Elisa Bürkle. Man trifft sie fast überall dort, wo etwas los ist. Sie repräsentiert die Traditionsmarke und öffnet der gleichaltrigen Zielgruppe neue Erlebnisse.

Das Verrückte dabei: War Wulle bis 1971 noch eine der führenden Marken in der heimischen Gastronomie, so wird es heute vor allem auch gerne von jüngeren Menschen getrunken, die es im Elternhaus nie kennen lernten. Denn damals hatte Dinkelacker die 1861 gegründete Traditionsbrauerei Wulle übernommen.

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Wenig bekannt, aber heute wieder gerne erzählt, wird in solchen Runden auch die Geschichte des damals 18-jährigen Rekruten Arnold Schwarzenegger (dem heutigen Californien-Gouverneur), der 1965 bei den Bodybuilder-Meisterschaften im Wulle-Saal Junioren-Sieger wurde und als „Desserteur“ vom Österreichischen Heer dafür 14 Tage in Arrest musste.

Das Kultlokal „Rosenau“ führte damals ebenso wie so mancher „Löwen“ oder „Krone“ Wulle – heute sind viele von denen wieder dabei. Ebenso ploppt es in den angesagten Clubs der Innenstadt oder den alternativen „Wagenhallen“. Natürlich gibt es wieder die passenden Bierdeckel und sogar

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Die Brauerei macht für das Vollbier keine Werbung, setzt aber vor allem auf Tradition und Bewährtes, eben im Stil der späten 60er Jahre. So platziert man das weiß-rote Logo, das in seiner Ausstrahlung heute nicht besser gestylt werden könnte, neuerdings an Hausfassaden und wie beim Daimler als zackigen Stern auf die Dächer hoher Gebäude.

Auf www.wirwollenwulle.de kann man sich in die Wulle-Zeit verlieben. Und im Wulle-Shop gibt es für 7,90 Euro auch den Wulle-Bulli im Maßstab 1:67. Bald kann man bei einem Kornwestheimer Reiseveranstalter mit einen alten Schienenbus private Ausflugsfahrten unternehmen – mit Wulle-Logo und Bügelflaschen an Bord.

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Wie und warum dies so gekommen ist, hat viel mit dem Verständnis heimischer Kultur und Tradition zu tun. Am 2. Januar 2007 haben die Nachfahren der schwäbischen Bierbrauer die im weltgrößten Braukonzern „InBev“ aufgegangene Brauerei Dinkelacker-Schwabenbräu zurück gekauft – der Urenkel Wolfgang des Kommerzienrates Carl Dinkelacker erwarb damit  die Mehrheit der fortan als „Privatbrauerei“ geführten Gruppe.

Ein junges Team hat kurzfristig vieles verändert. Man verarbeitet heimische Gerste und nutzt die Vorteile der Region mit ihren kurzen Wegen und bodenständigen Menschen. Die anerkennen das nach dem alten Rezept gebraute Bier als authentisch. Seipels Kernthese: „Das kommt einfach gut an, so wie es ist und immer schon war. Es sieht aus wie früher, es schmeckt wie früher und es ist beliebter denn je.“

So ähnlich ist es ja auch seit mehr als 60 Jahren mit den Bullis – sie sehen (noch ein bisschen) so aus wie früher, sie sind deutlich beliebter (weil universeller), - aber die wahren Bulli-Freunde schätzen die Tugenden der Tradition, die sie mit Modernem verbinden können.

Und weil gerade die Bullis aus den 60ern und 70ern beides verkörpern, sucht Stefan Seipel (www.ds-kg.de) dringend noch einen oder zwei T2 – keine Fensterbusse, sondern Transporter. Kastenwagen also, - denn darin werden ja auch die knallroten Bierkästen bei Präsentationsbesuchen transportiert…

Ernst Bauer